
"Abwrackprämie missglückt"
Ortstermin mit Bernhard Lehle (Grüne) auf dem Autofriedhof
Ortstermin Autofriedhof: Dicht an dicht und übereinander gestapelt stehen abgewrackte Autos. "Völlig missglückt" hält der Bundestagskandidat der Grünen, Bernhard Lehle, die Abwrackprämie.
RODERICH SCHMAUZ
Geislingen Annähernd 400 Fahrzeuge hat Jürgen Scharpf bisher abgewrackt. Im Büro seiner Autoverwertung in den Geislinger Neuwiesen zeigt er einen dicken Ordner: Die Verschrottung eines jeden Autos ist dokumentiert. Scharpf schüttelt missbilligend den Kopf - ebenso Bernhard Lehle bei seinem Ortstermin. "Bei diesem Auto klebt der grüne Umweltpunkt auf der Scheibe, das ist doch ein Hammer, diesen Wagen einfach wegzuschmeißen", ärgert sich der Bundestagskandidat der Grünen. "Und hier, dieser geile rote Corsa mit elektrischem Faltdach, der wäre noch Jahre gefahren."
Für Lehle ist die Abwrackprämie das krasse Beispiel für eine missglückte Wirtschaftsförderaktion. Die amtierende Bundesregierung habe es versäumt, mit den Milliarden wenigstens einen ökologischen Technologieschub zu bewirken, indem die Abwrackprämie von strengen Umweltstandards für Neuwagen abhängig gemacht worden wäre. Lehle denkt an sprit- sparende Typen, Hybridantrieb und Erdgasautos.
Lehle führt weitere Argumente gegen das Abwracken ins Feld: Vor allem freien Werkstätten fehle in den kommenden Jahren die Arbeit, weil es kaum mehr alte, reparaturbedürftige Autos gebe; die Autobauer hätten nun ihre Halden mit Neufahrzeugen abgebaut - um in den nächsten Jahren die Lager wieder aufzubauen: "Die Neuwagenverkäufe fehlen nun zwei, drei Jahre lang, das Konjunkturloch ist nur verschoben", kritisiert Lehle. Wie weit der Beschäftigungseffekt reicht und ob die Abwrackprämie tatsächlich Arbeitsplätze in der Autoindustrie sichert, ist für den Grünen-Politiker noch nicht ausgemacht.
Lehle spricht sich für ein generelles Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf deutschen Autobahnen aus. Alle anderen europäischen Länder hätten längst Geschwindigkeitsbeschränkungen. Entscheidend ist für den Bundestagskandidaten, dass dann die Notwendigkeit wegfalle, dass die Autoindustrie Fahrzeuge "mit Höllenmotoren" baue. Aber natürlich falle das schwer "im Land von Mercedes, BMW und Porsche", frotzelt Lehle gegen die Hersteller PS-starker Nobelkarossen und ihre Lobby.
Die Grünen und die neue B 10: Lehle macht kein Hehl aus seiner Skepsis gegenüber der Umgehungsstraßenplanung. Angesichts des bisherigen Realisierungstempos befürchtet er, dass die B 10-neu bei Geislingen erst dann fertig ist, wenn man sie nicht mehr braucht - weil es bis dahin modernere, umweltverträglichere Antriebe gibt. Er denkt zum Beispiel an Elektroautos.
Der Grüne plädiert ohnehin dafür, den Güterverkehr weitgehend auf die Bahn zu verlagern. Natürlich ist er für einen besser ausgebauten und vernetzten öffentlichen Nahverkehr. Die S-Bahn-Verlängerung in den Kreis Göppingen hinein hält er für interessant, die Ausrichtung an die Region Stuttgart für "richtig und wichtig". Andererseits brauche zum Beispiel Geislingen eher schnelle Zugverbindungen. Lehle will eine S-Bahn auch nicht um jeden Preis: Zuletzt müssten Nutzen und Kosten in einer sinnvollen Relation stehen. Dasselbe fordert er im Übrigen für die Schnellbahntrasse Wendlingen-Ulm.
Zur Person: Bernhard Lehle
Erscheinungsdatum: Dienstag 15.09.2009 (zur GZ...)
